Erfahrungsbericht der
kgl. preuß. Feldlazareth-Ambulance Nr. 2
zur 200 jährigen Gedenkveranstaltung der Völkerschlacht zu Leipzig
im Oktober 2013



 

Es ist recht kalt, wenn der Soldat in der Frühe dieses Oktobermorgens sich aus seinem Nachtlager schält, seine steifen Glieder räkelt und noch schlaftrunken versucht, das nur noch glimmende Feuer neu zu entfachen. Denn es will nicht so recht gelingen, den neuen Tag zu begrüßen, wenn es nicht zumindest einen warmen Kaffee gibt. Wenig später beginnt das gesamte Biwak, wie auf ein stilles Zeichen, zu erwachen, bis dann der Tambour die letzte Schlafmütze zum Aufstehen ruft. Manch einer schlurft zur Latrine, andere versuchen, ihr vom unruhigen Schlaf struppiges gewordenes Haar und die Falten in ihrem Gesicht zu glätten. Die ungewohnte Schlafstätte fordert ihren Tribut. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich in aller Herrgottsfrühe der ein oder andere zerknirscht vor dem Lazarettzelt einfindet und den verantwortlichen Chirurgus um ein Mittelchen bettelt, diverse Wehwehchen zu lindern.

 

So oder ähnlich wird es wohl manch einem Soldaten 1813 gegangen sein. Gott lob befinden wir uns im Jahre des Herrn 2013 und die notwendigen Behandlungen sind mit der Gabe einer Tablette schnell beendet. Wir, die Darsteller des Lazarettwesens der Jahre 1800 bis 1815, wollen durch unsere, der Historie nachempfundenen Darstellung, interessierten Menschen das Sanitätswesen jener Zeit näherbringen. Umso wichtiger ist es für uns, als nicht direkt am Gefecht beteiligte Einheit, im rückwärtigen Raum präsent zu sein. Zum einen, um dem Zuschauer ein kompletteres Bild eines Gefechtsfeldes jener Zeit zu bieten, zum anderen als Anlaufstelle für Kameraden, die während der Kampfhandlungen leichte Blessuren erhielten oder auch nur etwas Wasser benötigen, da der Umgang mit Schwarzpulver erfahrungsgemäß sehr durstig macht.

Dies war Ausgangslage im Oktober 2013 vor der Großveranstaltung zur Nachstellung der Völkerschlacht bei Leipzig. Über 5.000 Darsteller aus über 20 Ländern der Welt trafen hier zusammen, um dieses Ereignis "zum Leben" zu erwecken. Auch wir als Lazaretteinheiten der verschiedensten Nationen waren natürlich dabei. Dies bot für alle Teilnehmer eine sehr seltene Möglichkeit, bedingt durch die große Zahl an Mitwirkenden, den Originalverhältnissen wenigstens im Ansatz nahe zu kommen. Schon im Vorfeld waren Ortsbegehungen des Gefechtsfeldes und einige Treffen nötig, um die medizinische Versorgung sicher zu stellen. An dieser Stelle sei den anwesenden Rettungssanitätern gedankt, welche uns hilfreich zur Seite standen. Da wir bis zu diesem Tag noch nie eine derart große Teilnehmerzahl zu "versorgen" hatten, waren auch wir natürlich sehr gespannt, ob sich die Idee eines stationären auf französischer und speziell der "Fliegenden Lazarette" auf preußischer Seite bewehren würden. Die historischen Umstände sollten uns unsere Grenzen aufzeigen!

Vor dem Gefecht - beeindruckender Aufmarsch der Truppen, Gottesdienst, Ehrung von Kameraden für ihr Engagement im Hobby. Dazu der Aufbau des Lazaretts und letzte Absprachen mit der ersten Erkenntnis, dass unsere Versorgungseinheit für die schiere Menge an Soldaten hoffnungslos unterbesetzt und nicht in der Lage sein wird, die komplette Frontlinie abzudecken. Welch Parallele zur Geschichte, denn im Jahre 1813 waren die Voraussetzungen nicht anders. Uns läuft ein Schauer über den Rücken. Bis zu diesem Zeitpunkt waren unsere Veranstaltungen eher klein, manche fast familiär, sodass uns unsere Planung schon jetzt hinfällig schien. Die erste Salve der Artillerie - ohrenbetäubender Lärm, das Gefechtsfeld in dicken Rauch gehüllt, viele Einheiten nicht mehr zu sehen. Für uns war natürlich noch nichts zu tun, da das Planspiel erst spätere Verlustdarstellungen vorsah. Nach einiger Zeit rückten die alliierten Verbände vor, sodass wir zum ersten mal genötigt waren, unser Lazarett auf das Nötigste zu reduzieren, um unseren vorwärtsdrängenden Truppen folgen zu können. Alle Beteiligten schauten stetig zum befehlshabenden Bataillonschirurgus Heinze, was zu tun ist. Schon jetzt ist uns klar: das wird keine einfache Sache. Der stetige Auf - und Abbau des Lazaretts, historisch bedingt, etwa 80 Schritt hinter der letzten kämpfenden Linie, wird durch die ständigen Truppenbewegungen, eine schweißtreibende Angelegenheit. Durch die taktisch bedingte Aufstellung der Artillerie hinter uns wurde die Versorgung unserer Einheiten derart erschwert, dass wir dazu übergehen mussten, unsere Kommunikation vom Schreien auf vorher abgesprochene Handzeichen umzustellen. Dieses Vorgehen erwies sich als sehr erfolgreich, da so Informationen über größere Distanzen weitergegeben werden konnten. Ab dieser Situation hatten wir ein Gefühl; so könnte es damals auch gewesen sein. Und schon wieder war er da, der kalte Schauer, der vom Rücken bis zur Haarspitze wanderte. Hierzu passte auch das häufige Auftauchen eigener bzw. feindlicher Kavallerie, welche uns im Ernstfalle wahrlich in Bedrängnis hätten bringen können. Deshalb entschloss sich der Bataillonschirurgus zum Verbleib in größerer Distanz zum Hauptgefecht, sodass sich uns aus höher gelegener Position ein imposantes Bild bot. Tausende feuerspeiende Gewehre, Kanonendonner, Reitereinheiten im wilden Galopp, fliehende Zivilisten aus brennenden Häusern, Rauchschwaden, die sich als zäher Nebel über dieses Schauspiel legten und nun zu dutzenden herumliegende "Verwundete", welchen wir auf Grund des Kampfgetümmels nicht zu helfen vermochten.

Nach etwa zwei Stunden Feuerwechsel befanden wir uns in der Endphase des Gefechts und verspürten als Lazarett verstärkt den Drang, etwas tun zu müssen - vergeblich, wir waren machtlos. Es blieb uns nichts anderes übrig, eben erst nach dem Abschluss aller Kämpfe, ohne Ansehen von Nation und Rang, die "Verwundeten" zu versorgen.

Die Franzosen waren wie erwartet geschlagen wurden, aber anders als in der wahren Geschichte reichten sich die Gegner beim Geläut der Glocken als symbolische Geste der Verständigung die Hände. Plötzlich hielt es einen unserer Lazaretthelfer nicht mehr. Er verweigert den Befehl des Ausharrens und eilte den noch kämpfenden Truppen hinterher, um diese mit dem heiß ersehnten Trinkwasser zu versorgen. Wieder der Gedanke; könnte doch auch damals so gewesen sein. Er wäre wohl nicht weit gekommen, aber der patriotische Gedanke, Hilfe leisten zu müssen, wird so manchen Kameraden zu unüberlegten Handlungen veranlasst haben. Wir standen recht verloren, weit ab vom Geschehen, vermutend, dass auch die Chirurgen vor 200 Jahren gegen diesen Wahnsinn keine Chance hatten.

Abends am Lagerfeuer, alles war wieder still und friedlich, wir saßen beieinander und sinnierten über die Erkenntnisse, welche wir aus dem Erlebten mitnehmen können. Wir werden wohl sehr selten wieder dieses Gefühl haben; so oder ähnlich könnte es gewesen sein. Mit diesen Empfindungen gingen wir ins Nachtlager, um am kommenden Morgen das Feuer erneut zu entfachen.



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